Das Sprechen





"Wer das Ohr beleidigt, dringt nicht zur Seele vor."   Quintilian (römischer Sprechlehrer)


Die Stimme ist ein Schlüsselreiz in unserer Kommunikation. Zudem stellt sie einen Gradmesser der eigenen Authentizität dar. Deshalb ist es immens wichtig, sich auf unser Gegenüber einzustellen, ob es ein grosses Publikum oder ein einzelner Mensch ist. Immer kommt es auf den richtigen Tonfall, die Sprechlautstärke und natürlich den Sprechstil an. Mal passt dynamisches, deutliches, pointiertes Sprechen, dann wieder eher warmes, weiches und doch klares Intonieren und Artikulieren, um den Ohren der Zuhörer zu schmeicheln.

Das Sprechen ist vor allem aber eine zwischenmenschliche Interaktion, bei der die menschliche Stimme, wohl artikuliert, Sprachlaute erzeugt, die uns sozial, emotional und rational zusammenführen. Das Wunder des Sprechens wird natürlich untermauert von Gesten und Ausdrücken, wie z.B. bei der Gebärdensprache mit den Händen oder mit den Gesichtsmuskeln, wenn wir lachen oder schmollen.

Was also von unseren Gesprächspartnern oder Zuhörern wahrgenommen wird, ist ein komplexer Vorgang, bei dem der ganze Mensch beteiligt ist!


Grundgesetze des Sprechen

Betrachten wir es einmal folgendermaßen: Der Sprechende muss in der Lage sein, die Spannungs-
verhältnisse seines Körpers bewusst kontrollieren und verändern zu können. Hierbei soll es zu keinem unnötigen Kraftaufwand kommen und andererseits soll der Körper auch nicht an Unterspannung leiden - beide führen zu artikulatorischen und stimmlichen Fehlleistungen. Aber nicht nur, dass dies Auftrittsschwächen vor Publikum bewirkt, sondern auch im Alltag "leiden" viele Menschen unter der sprichwörtlich fehlerhaften Art, ihren Sprechapparat zu verwenden. All das führt für den Laien wie für den Profi bisweilen zu physiologischen Verschlechterung des Kehlkopfes und seiner Umgebung.

Auch müssen die neurologischen und muskulatorischen Voraussetzungen der Gelenke in den Armen und Händen und der Gesichtsmuskeln vorliegen, um ebenfalls kontrollierte, sprachliche Bewegungen ausführen zu können. Ungleich dem Sprechen mit den Händen muss das mündliche Sprechen mit dem Atmen zeitlich in Einklang gebracht werden - wobei die Atemmenge der Länge des jeweilig zu sprechenden Sinnabschnitts entspricht.

Der Abschnitt ist hier aber eher mit der Abfolge von Takten zu vergleichen, die man, wie es ein ausgebildeter Sänger macht, auch in einer ganz bestimmten Aneinanderreihung singt, anstatt nur einer Logik des Textes zu folgen. Beides ergibt zwar "den Sinn", jedoch wird die tonale Ausübung immer durch das verfügbare Lungenvolumen begrenzt. Nicht umsonst werden Gesangs- und Sprechunterricht mit dem Begriff "Stimmausbildung" zusammengefasst!

Zur Ausbildung einer klang- und modulationsfähigen Stimme muss die Weite der Resonanzräume gesichert werden. Erreicht wird dies, indem sich durch entsprechendes Training im Bereich der Artikulationsräume und der Kehle ein Gefühl der Entspanntheit einstellt - und so in der Folge jede stimmliche Tätigkeit als befreiend empfunden wird. Innerhalb der für einen Laut entsprechenden Artikulationsbreite sollen die Sprechwerkzeuge die charakteristischen Bewegungsabläufe durchführen - und nicht nur andeuten. Es handelt sich hierbei als um die ausschöpfenden Bewegungen der Sprechwerkzeuge - insbesondere Lippen, Zunge und Unterkiefer.


Die Stimme des Sprechenden

Sie soll nicht ihre individuelle natürliche Sprechtonlage überschreiten, zudem müssen die Ein- und Absätze der Stimme mühelos vollzogen werden. Seine Stimme und die Bewegungsmöglichkeiten seiner Gelenke und Muskeln soll der Sprecher gut kennen - und durch eine entsprechend geschulte Selbstwahrnehmung kleinste Veränderungen in den Sprechwerkzeugen wahrnehmen können. Ein bewusster Formungs- und Mitteilungswille des Sprechenden ist Voraussetzung für ein sinn- und bedeutungsvolles Sprechen. Sinnvolles Sprechen erfordert eine gewisse Gerichtetheit, sowie einen entsprechenden Empfangs- und Raumbezug. Ist dies gegeben, beginnt das Verhältnis von Aktion und Reaktion zwischen dem Sprecher und dem Publikum.


Die Interaktion

Sowie zwei oder mehr Menschen sich begegnen, tritt unweigerlich eine Wechselwirkung zwischen ihnen ein. Wenn diese Wirkung dann auch noch bewusst gesteuert wird, kann man von der klassischen Interaktion, um die es hier geht, sprechen. Alle bewussten, aber auch unbewussten Kommunikations-
methoden, sei es das Sprechen oder die stille Artikulation, führen zu gegenseitigen Ergebnissen!

Je nach dem, wie eben diese Aktionen ausgeführt werden, ob mit Rücksichtnahme auf hörende Personen bei der tonalen Artikulation, wie auch beim äusserlichen Bewegungseinsatz des Körpers als Kommunikationsmittel oder mit eher kontraproduktiven Vorgehensweisen, kann eine Interaktion gut geführt und kreativ förderlich oder andernfalls zerstörersich sein. Die Kunst liegt in der Gratwanderung des/der Sprecher bzw. der Urheber der jeweiligen Kommunikation.


Fazit

Was wir also unter "deutlichem" oder "verständlichem" Sprechen verstehen ist im Grunde a) eine physische Gabe der Natur, künstlerisch eingesetzt b) die Fähigkeit, mit Muskeln einen körperlichen Ausdruck zu erzeugen, welcher korrelierend intensivierende Interaktionen hervorruft und c) die geistige Leistung des Sprechenden, der es schafft, Worte, Körpersprache, Klang und nicht zuletzt brauchbare Informationen geschickt in seinem Gesamtauftreten zu verschmelzen.

Egal, ob live vor Publikum oder eingespielt im Studio, diejenige Person, welche dem Gesprochenen lauscht, kann furchtbar genervt oder verzückt werden - nur durch die Stimme und die Art zu sprechen.

Mir liegt sehr viel daran, immer zweites zu erreichen. Ich nenne es "Respekt am Zuhörer"!


Alexander Perlick

© Alexander Perlick